Drei Nächte spielte sie. Am Ende hatte sie das Geld zusammen. 5000 Euro. Immer wieder hatte Thater entscheiden müssen, ob die Karten in ihrer Hand gut oder schlecht waren, ob es einen bestimmten Spieler am Tisch gab, auf den sie sich konzentrieren sollte, der allein genug abwerfen würde, oder ob sie stetig allen etwas abnehmen sollte. Es waren viele Fragen, viele Entscheidungen, aber es ging gut. Thater gab die 5000 Euro der Freundin, einer Freundin, die sich in letzter Zeit gern Blusen mit weitem Ausschnitt kauft.
Thater ist voriges Jahr in Las Vegas Weltmeisterin in der Pokerdisziplin Seven Card Razz geworden . Es gibt noch andere Varianten; Draw, Stud, Omaha. Die populärste Variante heißt Texas Hold'em. Thater ist in allen gut.
Poker ist über Deutschland gekommen wie ein Grippevirus. Vor fünf Jahren dachte man bei Poker an Saloons. Mittlerweile gibt es Dutzende deutsche Pokerseiten im Netz, und DSF überträgt regelmäßig Partien. Die German Poker Players Association spricht von etwa zwei Millionen Spielern. Der Deutsche Poker Bund gibt die Zahl mit einer Million an.
Die Pokerwelt ist in zwei Gruppen aufgeteilt, man muss sich das wie im Meer vorstellen. Es gibt Fische und Haie. Leute wie Thater heißen Haie, sie suchen sich am Tisch Opfer und verbeißen sich so lange, bis nichts mehr übrig bleibt. Sie sind berechnend, rücksichtslos, kalt. Von außen muss es aussehen, als beherrschten Haie das Glück. Jeden Abend provozieren sie das Schicksal am Tisch, und das Schicksal kneift. Haie gewinnen spielend Geld. Es sind nur wenige, aber sie sind die Könige der Pokerwelt.
Die Opfer der Haie sind die Fische, Leute, die der Poker-Boom gebracht hat. Sie sind nicht berechnend, nicht rücksichtslos, auch sie dürfen im Pokermeer schwimmen. Fische sind das Futter.
Wenn man Poker verstehen will, muss man dieses Meer verstehen. Es funktioniert nur, weil es immer genug Fische gibt. All die Fernsehübertragungen, die Werbung für Pokerseiten, der Rummel, all das ist - genau genommen - eine Fischzucht. Sie ist so erfolgreich, weil ein Gewinn von 5000 Euro in drei Nächten einfach zu verlockend klingt. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass man selbst irgendwann zum Hai wird. Diese Hoffnung ist ein wenig naiv, aber menschlich. Alle wollen der Hai sein.
Auch Miro Stankovic, noch Fisch, will irgendwann mal Hai sein.
Stankovic sitzt im Berliner Westspiel Casino, in der 37. Etage des Hotels Park Inn am Alexanderplatz. Es ist ein kleines Casino. Es gibt nur zwei Räume, in einem stehen Roulettetische, im anderen wird Poker gespielt. Die Casinoleitung verlangt, dass die Herren im Jackett erscheinen. Vielleicht hätte man die Farbe auch festlegen sollen. Einige der Männer tragen weinrote Sakkos, andere grüne oder gelbe, viele davon kariert. Im hinteren Raum, nicht weit von den Pokertischen, steht die Bar. In der Karte steht: "Schlemmereien von Nah und Fern". Mit nah ist die Berliner Currywurst für 4,80 Euro gemeint, mit fern das Chili con Carne für 7,80. Eine Karte, die zu karierten Sakkos passt.
Stankovic sitzt mit dem Rücken zur Bar. Er hat Pik-Bube und eine Herz-Dame in der Hand. Stankovic ist 30 Jahre alt. Er hat dunkle Haare und eine recht große Nase. Seine feinen Hände stehen kaum still. Um ihn herum sitzen am ovalen Tisch acht Mitspieler und der Angestellte des Casinos, der die Karten verteilt. Nur Männer. Sie spielen Texas Hold'em. Zwei Karten in der Hand, weitere fünf werden nach und nach für alle sichtbar auf den Tisch gelegt. Dazwischen gibt es Setzrunden. Wer am Ende die besten Karten hat, gewinnt. Texas Hold'em ist nicht kompliziert. Katja Thater nennt es "Dumpfbacken-Poker".